Chronik

Vorwort (Chronik erstellt von Johannes Laußer)

 

Die Traßlberger Kirwa zählt, auch wenn man es ihr auf den ersten Blick nicht gleich ansehen mag, zu den althergebrachten, ohne Unterbrechung abgehaltenen Kirchweihfesten im Landkreis und kann sich zweifellos auch in ihrer Größe und Bekanntheit mit anderen sogenannten "traditionellen" Kirchweihen messen lassen.
Trotz des abrupten Endes des eigentlichen Kirchweihfestes 1959 wurde das Kirwabärtreiben bis weit in die achtziger Jahre ohne Unterbrechung weitergeführt. Als es 1990 nach ein, zwei Jahren Pause wieder hieß "Wer hod Kirwa?" konnte man auf den reichen Erfahrungsschatz und der selbstlosen Mithilfe ehemaliger Kirwaburschen zurückgreifen und sich der Zustimmung der Bevölkerung sicher sein.
Nur die Mitwirkenden von damals waren in die Jahre gekommen und haben dafür andere, wichtige Funktionen eingenommen. Auch der Termin hat sich verschoben und fällt nun am Anfang der Festwoche "Maria Himmelfahrt". Er ist durchaus vertretbar, wenn man bedenkt, dass die hiesige Dorfkapelle eine Marienkapelle ist.

Schnupperkurs in Sachen Brauchtumspflege


Die ersten Lektionen in Sachen Kirwa bekamen wir vom damaligen Kreisheimatpfleger Hermann Frieser, der in Oberleinsiedl im Gasthof Michl einen Volkstanzkurs abhielt. Er lockerte seine Kurse immer wieder mit kurzen Geschichten über das Oberpfälzer Brauchtum auf und so erfuhren wir nicht nur wissenswertes über die "alten Zeiten", sondern es war nur eine Frage der Zeit, dass der Ruf nach einer eigenen Kirwa in Traßlberg im Raum stehen würde. Wir waren so begeistert vom Volkstanz, dass wir gleich anschließend einen zweiten in Amberg und noch einen dritten in Gebenbach absolvierten. Mit jedem Abschlußabend verstärkte sich der Wunsch, auch eine richtige Kirwa, mit allem was dazugehört, abzuhalten. Es verging aber noch einige Zeit, bis im darauffolgenden Jahr der Eichenseer Michael nach dem Feuerwehrfasching in der Gaststube beim Scheuerer Erwin vorsprach und die Kirwa wiederauferstehen sollte.


Das Kirwa-Urgestein

Die ersten Kirwaburschen waren ein verwegener Haufen, die sich vor nichts und niemanden fürchteten. Auch nicht vor den Altvordern, die die letzte Kirwa anno 1959 mitgetanzt hatten. "Boum seid's doch nicht so blöd, ihr wisst`s ja gar nicht, was auf euch zukommt" war nicht nur einmal zu hören. Am Ende waren es zehn, die dem großen Ziel entgegenfieberten. Die Burschen waren schnell gefunden, aber mit den Mädels haperte es gewaltig. Die meisten sahen der Sache recht zwiespältig entgegen, denn zu dieser Zeit war die Disco das Maß aller Dinge und das bodenständige Brauchtum wurde eher als verstaubt angesehen. Eigentlich war’s auch gut zu verstehen, denn 1990 tobten sich noch Ernst Mosch, Margot Hellwig und sonstige Jodlerkönige auf den Bildschirmen aus. Etliche potentiellen Kandidatinnen hatten es aber schnell bereut, die Burschen hängen gelassen zu haben, denn nachdem die erste Kirwa ein voller Erfolg geworden war, wollten sie im Jahr darauf auch mittanzen, wurden aber nicht mehr berücksichtigt. Gleich zu Anfang wurde festgelegt, dass die Kirwaburschen nur aus der Altgemeinde Traßlberg mit ihren Gemeindeteilen Witzlhof, Altmannshof und Speckshof kommen dürfen.


Die "Kirwamacher"


Auf das stete Drängen des Michael Eichenseer trafen wir uns einige Tage nach dem Feuerwehrball in der Gaststube beim Scheuerer Erwin wieder. Der zauderte lange, denn alle vorherigen Versuche, eine Kirwa aufzuziehen waren spätestens während der Tanzproben im Alkohol untergegangen. Als einzige praktikable Lösung erschien es, gleich von Anfang an voll durchzustarten. Das war im März! Weil im Gasthaus ständig Hochzeiten abgehalten wurden, gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten Datum unglaublich schwierig. Der althergebrachte Termin zur Allerweltskirwa wurde von vornherein ausgeschlossen, da das Wetter zu unbeständig war und uns nur der Saal bei Kälte und Regen als Ersatz für den Biergarten zur Verfügung stand. Frei war nur ein Wochenende im Juni, das aber vom Organisatorischen her nicht zu halten war. Glücklicherweise wurde in der zweiten Augustwoche plötzlich ein Termin frei und man einigte sich unter teils erheblichen Bedenken auf diesen Zeitpunkt. Bedenken deshalb, weil zu dieser Zeit Sommerferien waren und zugleich das Fronbergfest begann, an dem die Traßlberger traditionell stark vertreten waren. Aber es half nichts, es blieb die einzige annehmbare Lösung. Nachdem sich abgezeichnet hatte, dass nach 31 Jahren wieder eine Kirwa in Traßlberg stattfinden würde, wurden in einer gesonderten Sitzung unter der Regie des Eichenseer Georg sen. die Grundpfeiler, die bis heute Gültigkeit haben, eingeschlagen. Mit von der Partie waren natürlich Erwin Scheuerer als Wirt, Fred Zintl, von den Kirwaburschen Thomas Rösch, sowie Kreisheimatpfleger Hermann Frieser, der das Kirwageschehen ins rechte Licht rückte. Herausgekommen war ein respektabler Kompromiss, der sowohl die Belange des Wirts, als auch die der Kirwaleit entsprechend berücksichtigte und der in seiner Art einzigartig im ganzen Landkreis ist. Dass die ganze Veranstaltung im Wirtshaus ablaufen sollte, erregte damals erhebliches Aufsehen, denn zum einen hatten solche "Wirtshauskirchweihen" nicht den besten Ruf, weil es ständig zu Reibereien zwischen den Wirten und den Kirwapaaren gekommen war, zum Anderen würde, so behaupteten zumindest einige Schlaumeier, in einem Zelt die Stimmung besser sein. Im Nachhinein betrachtet war die getroffene Entscheidung mehr als richtig, denn eine Kirwa gehört ins Dorf, wo auch ursprünglich das Weihefest der Dorfkapelle bzw. Kirche gefeiert wird und sich die Namensgebung herleitet. In Traßlberg wurde durch die Weitsicht des bereits erwähnten Gremiums ein solider Grundstein gelegt, in der alle beteiligten Seiten einsahen, dass sie nur durch gemeinsames Anpacken zum Ziel kommen würden. Im Zuge dieser Vereinbarungen wurde folgendes festgelegt: Jedes Kirwamoidl und jeder Kirwabursch erhält am Sonntag ein Mittagessen nach Karte sowie eine Suppe als Vorspeise. An den übrigen Tagen wurde auf Bon je eine Bratwurstsemmel gewährt. In den ersten Jahre wurden die Kirwapaare sogar Freitags zum Schlachtschüsselessen eingeladen. Nachdem aber niemand so recht Lust auf Blut- und Leberwürste verspürte und jeder sich lieber für Schnitzel und sonstige Angebote auf der Speisekarte interessierte, wurde dieses Privileg irgendwann in den folgenden Jahren wieder abgeschafft. Nicht zu vergessen sind die 300 Liter Freibier, die mit ausgehandelt wurden. Die Kirwaliesl hat übrigens der Scheuerer Erwin gestiftet, der sich um die Kirwa verdient gemacht hat und uns von vornherein als gleichberechtigte Partner ansah. Uns wäre sogar die Bar überlassen worden, deren Betrieb aber abgelehnt wurde, weil die Personaldecke nicht gereicht hätte und zu diesem Zeitpunkt niemand ahnte, welche Umsätze gerade hier zu machen sind.


So geht’s auch ....


An der ersten Kirwa wurde noch alles improvisiert, da man sich für heutige Verhältnisse sehr kurzfristig entschieden hatte, die Kirwa gleich von Anfang an im vollem Umfang aufzuziehen. So wurde auch das erste Plakat im DIN A3 - Format von Hand geschrieben, reichlich mit Zeichnungen von einer Kirwaszene ausgeschmückt und anschließend mit einem Kopierer vervielfältigt. Das Tanzpodium musste noch ausgeliehen werden. Die ersten Musikkapellen, die auf der wiederbelebten Traßlberger Kirwa spielten, wären heutzutage unter "ferner liefen" einzuordnen. Exotische Bands, deren Namen so schnell vergessen wurden wie sie gekommen waren, wie z. B. die Reconts oder Känguruhs schwitzen auf dem Musikpodium, sogar der Reindl Toni gab am Kirwamontag sein Bestes. Man war froh, überhaupt eine Musik zu haben. Die Bar war noch unterm Saal im Keller eingerichtet und natürlich in ihren Dimensionen viel zu klein. Um die Ausgaben für Hanfstricke, Bindedraht, Kranzbänder überhaupt finanzieren zu können, musste jeder Bursch zuerst mal tief in die Tasche greifen: 50.- DM hatte jeder als Startkapital zu löhnen, ohne die geringste Aussicht, das eingesetzte Geld jemals wiederzusehen.


Die "Schwalben"


Die Stangen für die Schwalben bekamen wir vom Rost Hans ausgeliehen, der damals noch sein Baugeschäft inne hatte. Manche von ihnen waren zwar etwas wurmstichig, aber nach eingehender Belastungsprüfung konnte man sie doch reinen Gewissens hernehmen. Das Binden der Schwalben selbst haben wir uns damals von der Raigeringer Kirwa abgeschaut. Hermann Zintl kannte einen Arbeitskollegen, der dort mit Baum aufstellte und so fuhren wir zwei Wochen vor der eigenen Kirwa dorthin und informierten uns über die notwendigen Handgriffe. Bei der eigenen Kirwa hat uns dann Georg Götz geholfen. Er war Maurer und kannte noch die alten Knoten und Stiche und wusste vor allem, wie die zusammengebunden Stricke aus Hanf um die Stangen zu legen waren und wie deren Zwischenabstände beschaffen sein mussten, um den Stamm des Kirwabaumes fest zu umschließen.


Tanzproben und s` Kirwagwand


Die Tanzproben begannen Mitte Mai und wurden im Unterrichtsraum des alten Feuerwehrhauses abgehalten. Die zum Üben benötigten Lieder wurden von verschiedenen Volksmusikkasetten zusammenkopiert. Bei der Zusammenstellung des Tanzprogramms legte man besonderen Wert darauf, nur Tänze zu berücksichtigen, die zu einer traditionellen oberpfälzer Kirwa gehören. So wurden alle oberbayerischen Komponenten wie z. B. das Schuhplatteln, der Bandltanz und das Mühlradl von vornherein kategorisch ausgeschlossen. Es sei noch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir keinen Tanzlehrer brauchten. Die Begeisterung und Erfahrungen aus den vorangegangenen Tanzkursen genügten uns völlig.
Um ein einheitliches Auftreten zu ermöglichen, wurde folgende Kleiderordnung festgelegt: Samstags mit Jeans und T-Shirt, sonntags und montags weißes Hemd mit schwarzer Hose und Halstuch. Anfangs war sogar ein Kirwahut (Filzhut) für jeden Kirwaburschen im Gespräch, gegen den sich allerdings Hermann Frieser vehement sträubte. Geblieben ist nur der Hut des Oberkirwaburschen, ein original oberpfälzer Küchlhut, der festlich geschmückt ist und erst nach dem Austanzen von diesem getragen wird. Er ist beim Austanzen bis zum Klingeln des Weckers an einer eigens dafür angenagelten Querlatte am Baum aufgehängt.


Das Kirwabaumloch


Das Kirwabaumloch war besonderes heikel, denn in vielen Ortschaften wurden die Kirwabäume auf der Wiese aufgestellt. So musste zwangsläufig jedes Jahr ein neues Loch ausgeschaufelt werden. Während den Vorbereitungen besuchten wir im Juni die Illschwanger Kirwa und entdeckten dort ein in den Boden eingelassenes und mit einer Einlaufschräge versehenes Betonloch, das zudem mit Absätzen versehen war, so dass der Baum, sobald er in der Senkrechten stand, mit Holzbohlen verkeilt werden konnte. Irgend jemand besorgte sich von dort die hierzu erforderlichen Maße. Mit nur geringfügigen Änderungen wurden diese dann auch als Vorgabe in Traßlberg übernommen. Bei den Bauausführungen ermittelte man zunächst die exakte Lage des Lochs auf dem Wirtshausvorplatz, damit der Baum vor dem Aufstellen mit seinen letzten Metern zwischen dem Dorfbrunnen auf der einen Seite und dem Feuerwehrhaus auf der anderen Seite zu Liegen kommt. Anschließend zeichnete man die Umrisse eines Metallrahmens, der später die schweren Betondeckel zu tragen hat, auf dem Teer auf. Um den Asphalt auf dem Vorplatz öffnen zu können, besorgte sich unser damaliger Wirt Erwin Scheuerer über einen Bekannten einen einen Teerschneider. Die Familie Rösch stellte uns einen kleinen Bagger zur Verf%uuml;gung, der über die Zapfwelle eines Bulldogs angetrieben werden konnte und die Ausgrabungen erheblich erleichterte. Werner Hartmann schalte den Grundkörper im Innern der Grube aus. Zu guter Letzt wurden noch zwei Gewindestangen etwa 30 cm unterhalb der Teerdecke waagerecht liegend und mit einer lichten Weite von rund 60 cm einbetoniert, damit der Baum im Loch verschraubt werden kann und zusätzlich gegen Kippen gesichert ist. Durch die senkrecht abfallenden Wände war der erste Baum allerdings so gut gesichert, daß er beim Umlegen im Oktober partout nicht mehr aus seiner Umfassung herauszubringen war. Erst der große Bagger von Ludwig Zintl, der in Freihöls eine Sandgrube betrieb, konnte Abhilfe schaffen indem er mit der Schaufel kräftig von hinten anhob. Zuvor waren schon Versuche gescheitert, den Riesen mit Hilfe der Ackerschiene des Traktors von Hans Weiß anzuliften. Dort brach nach mehreren vergeblichen Anläufen ein Bolzen an der Aufhängung. Übrigens: Der Baum wurde in den ersten Jahren wieder so umgelegt, wie er vorher aufgestellt worden war: Mit Schwalben.

Das Kirwabaumholen und -herrichten


Eigentümlicherweise bescherte uns der Orkan Wiebke, der im Frühjahr über ganz Deutschland gewütet hatte, den ersten Kirwabaum. Der von Konrad Beck aus Witzlhof gestiftete Baum stand zwar nicht mehr senkrecht, als wir bereits am Donnerstag Nachmittag in das Waldstück nahe Obersdorf einrückten, aber das tat unserer Freude keinen Abbruch. Wie sich später herausstellte, hatte er den Windwurf und die lange Liegezeit gut überstanden. Ganz so einfach war die ganze Sache mit dem Abtransport nicht, da der Baum noch an seinen Wurzeln hing und gewaltig unter Spannung stand. Nach getaner schweißtreibender Waldarbeit saßen alle Kirwaburschen beim Heimfahren auf dem Baum und übten sich im Gstanzlsingen. Hergerichtet wurde der erste Baum übrigens im Hof vom Zintl Ernst. Dort wurde der ganze Stamm in voller Länge erst einmal abgewaschen und gründlich von Moos und Erdreich gesäubert. 

  

Da noch niemand einen derartigen Baum hergerichtet hatte, ging alles etwas langsamer von statten. Als Erstes musste eine Schablone aus Pappdeckel zum Ringeln des Baumes ausgeschnitten und die richtigen Abstandsmaße festgelegt werden. Ebenfalls wichtig ist die "Symmetrie" des Ganzen, d.h. die Abstände der einzelnen Kränze untereinander müssen mit der Länge des Baumes harmonieren. Die Metallreifen der Kränze hatte man aus Witzlhof organisiert, weil die dortige Kirwa schon Anfang der achziger Jahre zum letzen Mal abgehalten wurde. Nach wie vor ist es eine Meisterleistung, dem Baum die richtige "Krone", sprich einen neuen Gipfel, aufzusetzen. Die Konstruktion darf zum Einen von außen nicht erkennen lassen, dass "angestückelt" worden ist, zum Anderen muss sie aber auch so stabil sein, dass ihr selbst die gewaltigen Herbststürme nichts anhaben können. Eine Reihe von anderen Dörfern, die unweit Traßlberg liegen, können ganze Lieder davon singen, wie ein Baum ohne Gipfel aussieht. Bei uns aber hat der Baum stets noch nach zwei Monaten so ausgesehen, als ob er aus einem Stück gewachsen wäre. 


Der Kirwasamstag


Schon in aller Frühe wurde der sauber herausgeputzte Baum vom Anwesen Zintl unter der musikalischen Begleitung von Johannes Laußer zum Vorplatz des Wirtshauses gebracht. Erst dort wurden die Kränze, die die Kirwamoidln unter Anleitung von Gunda Rösch gebunden hatten, richtig positioniert und der Ersatzgipfel angeschraubt. Zu guter Letzt wurde die heute immer noch heiß diskutierte Traßlberger Spezialität angebracht: die berühmte Beleuchtung. Hatte Hermann Frieser weitestgehend mit seinen Vorstellungen einer Oberpfälzer Kirwa Gehör gefunden, so bestand man auf Biegen und Brechen auf dieses Relikt aus den fünfziger Jahren. Die erste Lampe am Gipfel war übrigens ein 1000 Watt-Strahler, der allerdings irgendwann nach einem heftigen Regenguss das Zeitliche segnete. Während die einen dem Baum den letzten Schliff gaben, begann eine zweite Gruppe zeitgleich unter der Anleitung von Georg Götz die Schwalben zu binden. Rechtzeitig bis zum Mittag waren die letzten Arbeiten erledigt. Gespannt wartete man nach getaner Arbeit auf das Baumaufstellen. Keiner von uns hatte die nötige Erfahrung, wie man so einen Riesen in die Senkrechte bringt. Viele stellten sich die Frage, ob und wie viele Helfer sich einfinden würden.Zur Erleichterung aller waren genügend Männer gekommen und der Baum wurde in einer durchaus beachtlichen Zeit aufgestellt. 

  

Nach getaner Arbeit bedankte sich der Schosch bei allen, die gekommen waren und lud jeden abends und auch an den darauf folgenden Tagen zum Kommen ein. Die Kirwaburschen kamen allerdings nicht so einfach davon. "Trinkts niard so viel, schauts aufeinander auf und wenn oana gnuag hod, dann sagts es earm", so oder ähnlich hat er uns auf Vordermann gebracht. Richtig voll war am Ende dieses Tages dann wirklich keiner, zum Einen weil man sich nicht getraut hat einen ordentlichen "Zinterer" zu haben, zum Anderen, weil man ja noch auf den Baum aufpassen musste. Außerdem stand der eigentliche Haupttag der Kirwa noch bevor. Die Baumwache wurde sehr genau genommen. Der Kirwatisch stand deshalb am Vorplatz des Wirtshauses direkt am Baum und setzte sich nur aus zwei hintereinander gestellten Biergarnituren zusammen. 


Der Kirwasonntag


Am Kirwasonntag wurden die Kirwaburschen, die ausnahmslos die Nacht in der Nähe des Kirwabaumes verbracht hatten, in der Früh um sechs jäh aus dem Schlaf gerissen. Dann nämlich, als der Heldmann Jackl mit Schaufel und Besen anrückte, um die Spuren der vergangenen Nacht zu tilgen. Der Kirwagottesdienst an der Dorfkapelle um halb elf verlief schon wesentlich unspektakulärer. Pfarrer Konrad Kummer zelebrierte in gewohnter Weise die Hl. Messe. Da etliche Kirwaburschen Ministranten waren, verstand es sich von selbst, beim Gottesdienst den Altardienst zu übernehmen.


Pfarrer Konrad Kummer mit seinen Ministranten:
Von links: Andreas Rösch, Johannes Laußer, Michael Eichenseer, Michael Laußer

Gemeinsam zog man nach dem Segen hinüber zum Wirtshaus, wo an einem festlich geschmückten Kirwatisch das Essen eingenommen wurde. Die Kirwaleit sollten aber vorher auf eine harte Geduldsprobe gestellt werden, denn der Wirt war nicht auf die Menschenmassen eingerichtet, die seinen Biergarten bevölkerten und so wurde es fast halb zwei, bis die Letzten ihr Essen bekamen. Die Suppe wurde von ihm höchst persönlich serviert; es herrschten noble Zeiten in Traßlberg! Je näher nun das Baumaustanzen rückte, um so flauer wurde es uns im Magen. Und das lag nicht nur an der verspäteten Essensausgabe. Die Aufregung auf das was kommen sollte, war enorm. Man versammelte sich an der Eisenbahnbrücke und pünktlich um halb drei ging es los. Voran ging Georg Eichenseer sen. mit seinem Hochzeitswecker in der Hand. Ein Instrument, das ihn auch noch in den kommenden Jahren begleiten sollte und nicht immer so wollte, wie er es sich’s ausgedacht hatte. Als Musikanten spielten die "Schwoarzenstoaner" recht zünftig auf. In Reih und Glied wurde mit einem kurzen Umweg ums Feuerwehrhaus der Kirwaplatz in Angriff genommen.

 

Der ganze Platz war gerammelt voll und keiner hatte mit so vielen Zuschauern gerechnet. Das Wetter war extrem heiß und trocken, es hatte um die 30°C. Die Stimmung war riesig und nun zahlten sich auch die monatelangen Tanzproben aus. Die Walzer, Dreher und Zwiefachen wurden mit Leichtigkeit getanzt. Das Kirwalied "Soll denn des a Kirwa sei?" hatte jeder schon im Blut, die von den Raigeringern abgekupferten Kirwagstanzln ebenso.

 

Als erstes Oberkirwapaar wurden Hermann Zintl und Sigrid Günther ermittelt. Die Entscheidung war denkbar knapp, da Martin Rösch bereits die Finger am Strauß hatte. Unter großem Beifall der Kirwaleit und den Umstehenden wurden Kirwahut und Schürze vom Baum geholt.

 

Die Erleichterung über den äußerst gelungenen Einstand war allen deutlich anzusehen. Anschließend ging`s hinter in den Wirtsgarten. Es wurden Erinnerungsfotos am Baum gemacht und jedes Kirwamoidl bekam ein Lebkuchenherz, das damals Herbert Kneidl noch eigenhändig in seinem Süßigkeitenstand verkaufte. Der restliche Kirwasonntag verlief ohne Zwischenfälle.


Der Kirwamontag


Ein erneuter Höhepunkt war natürlich das Kirwabärtreiben, das allen von Frühers her bestens in Erinnerung war. Als die Kirwa an der Allerweltskirwa stattfand, Traßlberg eine eigenständige Gemeinde war und die Schüler noch in Luitpoldhöhe zur Schule gingen, wurden an diesem Tag keine Hausaufgaben aufgegeben und die Lehrer fuhren nach Traßlberg zum Essen. Ganze Scharen von Kindern verfolgten wie der Kirwabär durchs Dorf getrieben wurde.

 

Der Umgang im Dorf hatte sich auch nach den wenigen Jahren der Abstinenz kaum, gewandelt. Der Bär und seine Begleiter, Treiber und Hexe, bildeten nach wie vor das Dreigestirn. Es wurde im alten Dorf mit Musik von Haus zu Haus gegangen. Einige Unerschrockene, die dem Bären zu nahe gekommen waren, schauten rußgeschwärzt aus der Wäsche. Die Birkl Marie-Luis wurde sogar zweimal erwischt, als sie bereits wieder sauber gewaschen auf die Straße ging, um nach der Kirwagesellschaft, die schon weitergezogen war, zu schauen. Man war bis ca. 18.00 Uhr unterwegs.

 

Als der Kirwabär am Ende der Dorfrunde erschöpft gestorben war und ausgiebig betrauert wurde, konnte er, wie es die Tradition verlangte, erfolgreich wiederbelebt werden. Erschöpft war auch der Musikant, der mit durchs Dorf gezogen war. Er verzichtete im darauf folgendem Jahr freiwillig auf eine nochmalige Verpflichtung. Schnaps und sonstige alkoholische Getränke wurden von den anwesenden Hausleuten nicht ausgeschenkt. Sie gaben Geld und Kücheln her, eine Flasche Hochprozentiges war eher selten. Der Kirwamontag klang nach der Kirwabaumverlosung langsam aus, die der Auers Sigi recht interessant zu gestalten wusste. Erster Baumgewinner war Wolfgang Zintl, der allerdings, wohl auch unter dem Eindruck der Androhung, er müsse das komplette Essen beim Umlegen zahlen, mit seinem Hauptgewinn nicht so recht glücklich war und den Baum schließlich wieder den Kirwapaaren spendete. Die machten im Laufe des folgenden Jahres kurzen Prozess, fuhren zur Fürstenmühle auf die Säge und legten somit den Grundstock für das spätere Tanzpodium. Dass es ab halb zehn abends zu regnen anfing und im Saal weitergefeiert werden musste, tat der Stimmung keinen Abbruch. Trotz intensiver Bewachung gelang es einem gewissen Hans, der auf jeder Kirwa sein Unwesen trieb, kurzzeitig die Liesl unter seine Kontrolle zu bringen, indem er sie beim Losekaufen einem wartenden Kumpan aus dem offenen Saalfenster reichte. Die trotz des nahenden Kirwaendes immer noch schnelle Reaktion der Kirwaburschen verhinderte Schlimmeres.


O Kirwa lou niard nou ....


Noch beeindruckt von den durchwegs schönen Erlebnissen entfalteten sich im Anschluss der Kirwa verschiedene Aktivitäten. So etwa fand im Herbst die Premiere des selbstgedrehten Kirwafilms im Saal des Gasthaus Schwab - Scheuerer statt. Ernst Zintl hatte die gesamte Kirwa, angefangen vom Graben des Kirwabaumlochs bis zum Kirwabaumverlosen am Kirwamontag komplett mitgefilmt. Die Premiere des noch ungeschnittenen Videofilms dauerte ca. 3 ½ Stunden. Trotz der starken Konkurrenz des Fernsehens im 3. Programm ("Herbstmilch" war angesagt) waren zahlreiche Besucher gekommen.
Im Frühjahr schließlich konnte man Hermann Frieser dazu gewinnen, einen Volkstanzkurs ebenfalls im Gasthaus Schwab - Scheuerer abzuhalten, zu dem auch die Bevölkerung herzlich eingeladen war.
Um sich die ständigen Ausleihkosten zu sparen, beschloss man, einen eigenen Tanzboden zu bauen. Dazu wurde im Frühjahr der Kirwabaum, der bekanntlich an die Kirwaburschen zurückging, auf die Fürstenmühle gefahren, um daraus Balken zu sägen. Die Bretter kauften wir vom Sägewerk Senft in Wolfsbach und fuhren sie anschließend zum Hobeln und Säumen nach Haag. Als der Preis fürs Herrichten der Bretter vorher vereinbart wurde, hatte der Besitzer der Holzbearbeitungsmaschinen nicht mit dem Arbeitseifer der Kirwaburschen gerechnet. Erst nach getaner Arbeit dämmerte es ihm, dass er die Nutzung der Maschinen doch besser nach Quadratmeter als nach Stunden abgerechnet hätte. Mehr als 30 Quadratmeter Tanzbodenbretter waren nach 2 Stunden fix und fertig! Nicht nur einmal mussten die Hobelmesser ausgewechselt werden.
Im Hinblick auf die nahende Kirwa 1991 wurde auch der Wunsch nach einer geeigneten "Garnitur" laut. So kam es, dass der Trachtenfabrikant Pöllinger schließlich eigens aus Hemau anreiste, um uns maßgeschneiderte Lederhosen zu verpassen.

 

Bei jedem einzelnen wurde der Zollstock angelegt. Sozusagen als "Zuckerl" für die große Anzahl der bestellten Lederhosen, Träger, Socken, Hemden und Haferlschuhe konnte man nach langem, zähem Ringen den Hut des Oberkirwaburschen, einen oberpfälzer Küchlhut, heraushandeln. Die Lederhosen der ersten Kirwaburschen sind übrigens original Oberpfälzer Lederhosen, d.h. sie sind in ihrer Ausführung schlicht gehalten, ohne Stickereien und sonstigen Verzierungen.

Nachbetrachtung

Dass bereits die erste Kirwa ein voller Erfolg wurde, ist allen Beteiligten zu verdanken, die mit eisernem Willen und äußerster Disziplin von Beginn an gut zusammengearbeitet haben und selbstlos das anfänglich schon etwas riskante und daher nicht unumstrittene Unternehmen mit Arbeitsgeräten, ihrem reichen Erfahrungsschatz und ihrer Arbeitskraft unterstützt haben. Die Tatsache, dass im Jahr 1991 in der Nachbarortschaft ebenfalls eine Kirwa mit Verweis auf die gut organisierte Kirwa in Traßlberg wiederauflebte, gibt den Anstrengungen aller Beteiligten Recht. Die Kirwa ist mehr als nur drei Tage Saufen und sich Vergnügen. Es ist ein Fest, bei dem alle in der Ortschaft zusammenarbeiten müssen, egal um welche Aufgaben es geht. Die Frage, wieviel Geld bei so einer Gelegenheit zu verdienen ist, hat sich zu Beginn niemand gestellt. Finanzielle Vorteile nach dem Ersten und auch auf den darauffolgenden Kirchweihfesten erlangte die Kirwagemeinschaft nicht. Wir waren jedesmal froh, wenn wir unsere 50.- DM Einsatz vom Erlös der Kirwalose, die anfangs nur 50 Pfennige kosteten, und den gegebenen Geldspenden wieder ausbezahlt bekamen. Es war eine schöne Zeit, an der sich jeder gerne erinnert. Zu hoffen ist nur, dass sich die anfängliche Kirwabegeisterung um das ursprüngliche Brauchtum auch in Zukunft bei den nachfolgenden Kirwamoidln und -burschen weiterhin aufrecht erhält.